20 lösungsorientierte Fragen für dein Coachinggespräch
Vor einer Weile sprach ich mit einer Führungskraft über ihre Arbeitssituation. Es kam heraus: Probleme, überall Probleme. Die Unternehmenszahlen sinken, der Druck würde steigen, die Bürokratie sowieso, unsinnige Maßnahmen würden eingeführt, wichtige Events gestrichen, der Markt sei schlecht, das Team wäre schwierig.
Dann fragte ich ihn: „Welche Aufgabe hat dir denn zuletzt mal Spaß gemacht?"
Er schaute mich an, etwas irritiert, mit einer Prise Unverständnis oder Unmut. Er war ja gerade so in Fahrt gewesen. Und dann passierte etwas Spannendes. Sein Gesicht veränderte sich (er dachte ganz offensichtlich an etwas Schönes), er lächelte und sagte: „Neulich war ich mal wieder bei einem Kunden vor Ort, und das war richtig geil."
Bingo.
Was für ein Musterbeispiel, habe ich noch gedacht.
Warum lösungsorientierte Fragen im Coaching so hilfreich sind
Problemtrance wird dieses Phänomen genannt. Fast wie in einer Trance entsteht ein Tunnelblick, der nur noch auf Probleme gerichtet ist. Diese werden immer und immer wieder gewälzt, so dass ein klarer Blick gar nicht mehr möglich scheint. Wir steigern uns dann rein.
Das Gegenmittel für dieses Phänomen ist ein Perspektivwechsel. Der Fokus wird auf die Lösung gerichtet, auf Ressourcen und Möglichkeiten.
Dazu werden lösungsorientierte Fragen eingesetzt. Das sind Fragen, die den Blick weg vom Problem und hin zur Lösung richten.
Lösungsorientierte Fragen lenken die Aufmerksamkeit nach vorn. Statt ein Problem immer weiter zu zergliedern, öffnen sie wieder den Blick für das, was schon einmal funktioniert hat, was trotz allem aktuell funktioniert und was möglich ist. Das entlastet und macht handlungsfähig. Coachees erleben, dass sie nicht ohnmächtig sind, sondern gestalten können.
Und oft genügen dafür erstaunlich kleine Schritte.
Vom Problemfokus zum Lösungsfokus
„Problem talk creates problems, solution talk creates solutions" – Problemreden schafft Probleme, Lösungsreden schafft Lösungen.
So brachte es Steve de Shazer auf den Punkt. Gemeinsam mit Insoo Kim Berg entwickelte er in den 1980er-Jahren die lösungsorientierte Kurztherapie, mit einer damals fast rebellischen Idee: Wer eine Lösung will, muss nicht erst das Problem bis ins letzte Detail verstehen. Diese Haltung prägt bis heute das systemische Coaching. Sie verschiebt den Fokus weg von „Was ist alles schiefgelaufen?" hin zu „Was soll an die Stelle des Problems treten?"
Lösungsorientiert fragen: Was damit gemeint ist
Lösungsorientierte Fragen richten den Blick auf positive Ausnahmen, Ressourcen und die gewünschte Zukunft. Sie fragen nicht „Warum klappt es nicht?", sondern „Wann klappt es schon, und was ist dann anders?". Damit knüpfen sie an das an, was bereits da ist, statt an das, was fehlt. Genau das macht sie so wirksam: Sie schieben die guten Dinge wieder in unser Bewusstsein. Denn auch das gehört zu diesem Phänomen: Menschen vergessen oft, was sie alles bereits haben. Den Blick wieder darauf zu lenken kann schnell neue Kräfte freisetzen.
20 lösungsorientierte Fragen für die Coachingpraxis
Hier findest du 20 lösungsorientierte Fragen, die im Coaching für neue Blickwinkel und Perspektiven sorgen können.
Was schon funktioniert
Wann war die Herausforderung zuletzt kleiner oder gar nicht da, und was war da anders?
Was von dem, was du gerade tust, funktioniert bereits gut?
Wie hast du es geschafft, dass es nicht noch schwieriger geworden ist?
Welches ähnliche Thema hast du früher schon einmal gelöst, und wie?
Die gewünschte Zukunft
Angenommen, das Problem wäre über Nacht gelöst: Woran würdest du das morgen früh als Erstes merken?
Was soll an die Stelle des Problems treten?
Woran würden andere die Veränderung bemerken, ohne dass du es ihnen sagst?
Wie sieht ein richtig guter Tag aus, wenn das Thema gelöst ist?
Ressourcen
Welche Stärken oder Erfahrungen könnten dir hier helfen?
Wer in deinem Umfeld könnte dich unterstützen?
Was möchtest du unbedingt so behalten, wie es ist?
Worauf bist du in dieser Situation trotz allem ein bisschen stolz?
Skalierung
Auf einer Skala von 1 bis 10, wo stehst du gerade?
Was hat dich überhaupt schon auf diesen Wert gebracht? (Was genau macht es zu einer 4 und nicht zu einer 2?)
Was müsste passieren, damit du einen halben Punkt weiterkommst?
Woran würdest du merken, dass du eine Stufe höher bist?
Erste Schritte
Was wäre ein erster, kleiner Schritt?
Woran wirst du merken, dass du ihn tatsächlich gemacht hast?
Angenommen, du bist ein Stück weiter – was machst du dann anders als heute?
Was müssten andere wissen, um dich gut unterstützen zu können?
Wie du lösungsorientierte Fragen sinnvoll einsetzt
Lösungsorientierte Fragen wirken am besten, wenn wir ihnen Raum und Zeit geben. Sie entfalten ihre Wirkung oft langsam. Als Coach ist es daher wichtig, Stille aushalten zu können. Besonders ehemalige Führungskräfte, die in die Coachingrolle wechseln, berichten häufig von der Herausforderung, nicht zu viel auf einmal zu wollen - die nächste Frage, oder am besten gleich einen Lösungsvorschlag. Jahrelang wurden sie ja daraufhin „erzogen".
In einem Coachinggespräch geht es häufig darum, Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten und Perspektiven zu verändern. Doch das, was so unscheinbar wirkt - ein Perspektivwechsel - ist eben oft genau ein Teil der Lösung. Und etwas, das mit einem Aha-Moment großes Gewicht vom Coachee nehmen kann.
Wenn eine Frage nicht funktioniert, ist das übrigens völlig in Ordnung. Coaching ist ein Prozess, ein Herantasten. Dann gilt es, nicht hektisch die nächste Frage hinterherzuschieben, sondern die Antwort in Ruhe abzuwarten, ohne Erwartungsdruck. Und wenn sie ausbleibt, stellst du eben ruhig die nächste.
Eine Frage, die übrigens eine besondere Beachtung verdient, ist die Wunderfrage. Die Wunderfrage ist ein Klassiker der lösungsorientierten Arbeit - sie wurde von Insoo Kim Berg „entdeckt", als ein frustrierter Klient in einem Gespräch sagte, ihm könne wohl nur ein Wunder helfen. Spontan nahm sie diesen Impuls auf:
„Angenommen, es geschieht über Nacht ein Wunder und dein Problem ist gelöst – woran würdest du das am nächsten Morgen als Erstes merken?"
Diese Frage hilft, ein konkretes Zielbild zu entwickeln, ohne den Weg dorthin erklären zu müssen. Denkbarrieren können so leichter ausgeblendet werden.
Wie bereitet man sich auf lösungsorientierte Fragen vor
Die Vielzahl der unterschiedlichen Fragen und Fragentypen wirkt am Anfang oft beeindruckend für angehende Coaches. Viele organisieren sich ein System, das Bücher, Links und Dateien sowie Dr. Google und Dr. Chatty (ChatGPT) beinhaltet. Doch die Notizen sind schnell verstreut und Dr. Chatty entpuppt sich gerne als Rabbit Hole oder direkter Weg in die völlige Verzettelung. Dann wird es hektisch und das wiederum war ja genau nicht die Absicht.
Wenn du also nicht jedes Mal neu und hektisch suchen willst, lohnt ein Blick in die Coaching-Fragenbank.
Hier in Kürze ein schneller Überblick:
Die Coaching-Fragenbank ist eine digitale Fragensammlung, die über 250 Fragen schnell verfügbar macht und übersichtlich in 20 Themenboxen sortiert.
Dank der Sortierung nach typischen Gesprächssituationen und Themen lassen sich die Coachingfragen einfach aufrufen und bequem durchscrollen.
Es ist auch möglich, eigene Fragen und Fragenboxen anzulegen und als Datei zu speichern, die jederzeit wieder aufgerufen werden können. So kannst du beliebig viele Fragensets erstellen – zum Beispiel für wichtige Klienten oder besondere Themen.
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Pro-Tipp
Die 20 Coachingfragen aus dem Artikel als fertige Box für deine Coaching-Fragenbank
Du nutzt die Coaching-Fragenbank? Dann kannst du dir diese 20 Fragen als fertige Fragenbox direkt importieren – einfach die Datei herunterladen und in deiner Fragenbank hochladen. So hast du sie sortiert in deiner Sammlung - ohne Abtippen.